Schwester Gerlinde, Sie haben das Marianum über mehr als fünf Jahrzehnte geprägt. Was hat Sie damals bewogen, Lehrerin am Marianum zu werden?
Nach meiner Ordensausbildung im Kloster Hegne war es der Wunsch der Ordensleitung, dass ich nach meiner Ausbildung als Erzieherin an der Berufspädagogischen Hochschule in Stuttgart studiere, um dann am Marianum in der zweijährigen Berufsfachschule hauswirtschaftlicher Richtung als ordenseigene Lehrkraft unterrichten zu können.
Mein Unterricht in meinen Studienfächern Chemie und Ernährungslehre wurde durch das Praxisfach Nahrungszubereitung sinnvoll ergänzt.
Besonders am Herzen lag mir die organische Chemie. Für mich war sie immer mehr als nur ein naturwissenschaftliches Fach. Als Schwester einer Gemeinschaft mit franziskanischer Prägung sah ich hier die Möglichkeit, den jungen Menschen den Blick zu öffnen für das Geheimnis alles Lebendigen und das Wunderwerk der Schöpfung, das es zu schützen und zu bewahren gilt. In meinem ganzen Unterricht ging es mir nie nur um Wissensvermittlung, sondern immer auch um die Unterstützung und Begleitung der jungen Menschen. Besonders intensiv habe ich dies während meiner Zeit als Internatsschwester erlebt.

Welche Botschaft möchten Sie jungen Lehrkräften mit auf den Weg geben?
Lebensnah zu unterrichten und den Blick auf das Wesentliche zu richten. Schülerinnen und Schüler brauchen nicht nur Wissen, sondern Menschen, die sie begleiten und ernst nehmen.
Hat sich das Miteinander zwischen Lehrkräften, Mitarbeitenden und Schülerinnen im Laufe der Jahre verändert?
Eigentlich weniger, als man vermuten könnte. Die Themen und die Grundhaltungen sind bis heute dieselben geblieben. Menschen wünschen sich auch heute Gemeinschaft, Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung.
Was macht das Marianum für Sie besonders?
miteinander beraten, was die beste Lösung eines Problems sein könnte. Besonders schätze ich den gemeinsamen Blick auf die Bedürfnisse der Zeit und der Menschen – ein Gedanke, den uns Hegner Schwestern unser Gründer Pater Theodosius Florentini ans Herz gelegt hat.
Gerne denke ich auch an die Jahre zurück, in denen wir uns als eine Gruppe von jungen Lehrschwestern regelmäßig getroffen, miteinander gesprochen und uns gegenseitig unterstützt haben. Heute würde man das wohl kollegiale Beratung oder Fallbesprechung nennen. Dieses Miteinander war für uns sehr wertvoll und hat zum Einsatz und zum Durchhalten motiviert.
Was war Ihnen beim Wandel der Schule besonders wichtig?
Dass die Übergabe der Verantwortung von uns Schwestern hin zu freien Lehrkräften gut gelingt und die Schule sich weiterentwickelt, ohne ihre Wurzeln zu verlieren. Das christliche Menschenbild bleibt zeitlos. Die franziskanische Haltung – den Menschen geschwisterlich zu begegnen, für alle da zu sein und niemanden auszuschließen – sollte auch in Zukunft das Marianum prägen.
Was hat sich im Unterricht besonders verändert?
Die Unterrichtsformen und vor allem die Digitalisierung in fast allen Bereichen. Schon 1985 hatte ich meinen ersten PC-Kurs, und es war wichtig, mit dieser technischen Entwicklung einigermaßen Schritt halten zu können.
Und wie haben sich die Schülerinnen verändert?
Jede Generation von jungen Menschen bringt, den Veränderungen in der Gesellschaft entsprechend, ihre eigenen Fragen und Bedürfnisse mit. Sich darauf einzustellen, hat schon immer Offenheit und eine gewisse Gelassenheit gefordert. Ich gebe aber gerne zu, dass manche Entwicklung mir auch ein Stück fremd geworden ist.
An welche besonderen Momente erinnern Sie sich besonders gern?
Das Marianumsfest begleitet mich durch all die Jahrzehnte. Es hat sich stets weiterentwickelt und doch seinen besonderen Charakter bewahrt. Im Hinblick auf das Internat denke ich besonders gern an die Adventszeit zurück, die das Miteinander im Haus besonders geprägt hat.
Gab es auch lustige Erlebnisse?
Es gab immer Einiges zum Lachen – im Unterricht und Drumherum. Es hat sich auch ein geflügeltes Wort entwickelt: Das Marianum verliert nichts! Begründet wurde das von mir im Chemieunterricht mit der Tatsache, dass Materie nicht verschwindet, sondern sich nur verändert. So wurden und werden im Marianum verloren geglaubte Dinge auch immer wieder gefunden.
Mit welchem Wunsch blicken Sie auf die Zukunft des Marianums?
Ich wünsche mir, dass das Marianum eine Schule für alle bleibt – nicht nur für die oberen Zehntausend. Die Gründung der Realschule war dafür ein wichtiges Zeichen. Man hätte auch einen anderen Weg wählen können, der wirtschaftlich vielleicht einfacher gewesen wäre. Stattdessen entschied man sich bewusst für junge Menschen mit unterschiedlichen Begabungen und Bildungswegen. Das entspricht dem franziskanischen Gedanken.

Vor allem wünsche ich mir, dass der Geist des Marianums erhalten bleibt. Tradition soll nicht bewahrt werden, weil sie alt ist, sondern weil aus ihr immer wieder Gutes und Neues entstehen kann. Es erfüllt mich mit großer Freude zu sehen, dass dieser Geist weiterlebt: das christliche Menschenbild, die Zuwendung zum Menschen, Barmherzigkeit, Vergebung und die Bereitschaft, jeden Menschen so anzunehmen, wie er ist.
Schwester Gerlinde, Ihr abschließender Wunsch für das Marianum?
Wir haben das hundertjährige Bestehen der Schule feiern dürfen. Ich wünsche dem Marianum, dass nach weiteren hundert Jahren wieder ein solches Jubiläum gefeiert werden kann.
Vor allem wünsche ich der Schulgemeinschaft Gottes reichen Segen. Möge sein Segen für alle Menschen im Marianum spürbar sein, diese Schule auf ihrem Weg begleiten und immer auf diesem Haus ruhen.
